LINGUIST List 14.1854

Thu Jul 3 2003

Review: Historical Linguistics/Semantics:Wanzeck(2003)

Editor for this issue: Madhavi Jammalamadaka <madhulinguistlist.org>


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  1. oebel, Historical Linguistics/Semantics: Wanzeck (2003)

Message 1: Historical Linguistics/Semantics: Wanzeck (2003)

Date: Wed, 02 Jul 2003 14:55:38 +0000
From: oebel <oebelcc.saga-u.ac.jp>
Subject: Historical Linguistics/Semantics: Wanzeck (2003)

Wanzeck, Christiane (2003) Zur Etymologie lexikalisierter
Farbwortverbindungen. Untersuchungen anhand der Farben Rot, Gelb,
Gruen und Blau.


Announced at http://linguistlist.org/issues/14/14-478.html

Guido Oebel, Staatl. Universitaet Saga und Privatuniversitaet
Kurume/Fukuoka (beide Japan)

Two reviews of this book are provided by the same reviewer: one in
English and one in German. The following review is the German
version.

Angekuendigt unter:
 <http://www.linguistlist.org/issues/14/14-478.html#1>;
http://www.linguistlist.org/issues/14/14-478.html#1

Vorbemerkung: 
Eines vorweg: dieses Buch ist das formal, inhaltlich und
sprachlich mit Abstand beste deutschsprachige Linguistikfachbuch, das
ich in meinem wenn auch erst kurzen Rezensentenleben habe besprechen
duerfen! Die Autorin Christiane Wanzeck praesentiert mit der
gruendlich ueberarbeiteten und erweiterten Version ihrer Dissertation
aus dem Jahre 1996 (Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen) ein
Stueck sprachetymologischer Pionierarbeit, die m.E. den Massstab fuer
kuenftige aehnliche Werke setzt. Wanzecks groesstes Verdienst dabei
ist ihre an akribischer Sorgfalt kaum zu uebertreffende
Recherchearbeit bei der Sichtung und Auswertung von Primaer- und
Sekundaerquellen als Belegmaterial fuer Ihre Untersuchung.

Aufbau und Inhalt des Buches:
Wanzecks Buch bietet lt. Aussage der Autorin erstmals eine
zusammenh´┐Żngende Dokumentation von vor allem deutschen Phraseologismen
mit den Farblexemen 'Rot' (S. 49-74), 'Gelb' (S. 75-92), 'Gruen'
(S. 93-130), 'Blau' (S. 130-342) und deren Etymologisierung. Daneben
behandelt sie Lehnuebersetzungen wie 'blaues Blut' (S. 290-313) aus
dem Spanischen 'sangre azul' (Adel) oder 'Blaustrumpf' (S. 322-340)
aus dem Englischen 'blue stocking' (intellektuelle Frau). Gerade das
Farbadjektiv blau gibt zunaechst besonders viele Raetsel auf, da
dessen Bedeutung je nach Kollokation variiert zwischen 'adelig',
'frei' ^- in 'blauer Montag' (S. 156-207) -, oder gar 'luegnerisch'
wie in 'blaue Ente' (S. 248-267). Ueberhaupt bilden phraseologische
Zusammensetzungen mit dem Farbadjektiv 'blau' den mit Abstand
umfangsreichsten Teil von Wanzecks Arbeit, da 'Blau' einerseits die
sprachlich vielschichtigste aller Farben ist und andererseits ueber
die groesste Bedeutungsvielfalt verfuegt. Weitere Gegenstaende in
Wanzecks Untersuchung sind heute seltener verwendete bis nahezu
verschwundene Farbphraseologismen wie 'gruener Brief' (Brief
aergerlichen Inhalts) (S. 112), satzfoermige Farbwortverbindungen wie
'Gruen ist die Hoffnung' (S. 112) oder paroemiologische
Farbphraseologismen in anderen Sprachen als dem Deutschen, etwa das
niederlaendische 'iemand eene blauwe huik omhangen' (jmdn. betruegen)
(S. 235-240). Wanzeck unterteilt die Farbphraseologismen unter
syntaktisch-morphologischen Aspekten in zunaechst zwei
Grundkategorien: 1. als Nominalphrase, bei der das Farblexem die
Funktion eines spezifizierenden Adjektivs uebernimmt, wie z.B. in
'blauer Montag' in der Bedeutung von 'arbeitsfreier Montag'; 2. als
Verbalphrase, in der das Farblexem als Objektpraedikativ (Bsp.: 'rot
sehen' fuer 'in Rage geraten') (S. 56) oder als Praedikativ (Bsp.:
'blau sein' fuer 'betrunken sein') (S. 145) fungiert. Bei der Gruppe
der Praepositionalphrasen gibt es lt. Wanzeck mitunter
Ueberschneidungen mit den Verbalphrasen (Bsp.: 'vom gruenen Tisch
aus') (S. 122). Die zentrale Frage in Wanzecks Untersuchung ist, wie
ein Farblexem seine jeweils unterschiedliche Wortbedeutungsfiguration
annimmt und ob sich daraus eine bestimmte Regularitaet ableiten
laesst. Dazu entschluesselt Wanzeck in ueberzeugender Weise die
Motivation von Farblexemen in bestimmten Kollokationen, indem sie das
zugrunde liegende Benennungsmotiv auf seine Funktion als Formmerkmal
untersucht, d.h. ob es sich um die Farbe in ihrer Hauptbedeutung
handelt. Im weiteren Verlauf ihrer Analyse geht sie der Frage nach, ob
das entsprechende Bezugsnomen oder moeglicherweise ein anderes Nomen
Traeger dieses Formmerkmals ist und welche Rolle dabei der
Farbensymbolik zufaellt. Dabei stoesst Wanzeck auf Zweifelsfaelle bei
Phrasen, in denen das Farblexem als solches zwar kein Problem
generiert, sehr wohl jedoch die Gesamtphrase hinsichtlich ihrer
Bedeutungsentwicklung, wie beispielsweise in 'auf keinen gruenen Zweig
kommen' (S. 117-122) oder 'jmdm. blauen Dunst vormachen' (S. 274-286).
In ihrer Untersuchung findet ebenfalls die Onomastik Beruecksichtigung
mit der etymologischen Analyse von Ortsnamen (Bsp.: 'Gruenes Gewoelbe'
in Dresden) (vgl. Nopitsch 1801), von im Niederdeutschen verwendeten
Strassennamen ('Rotes Meer') (Mielke 1930: 182-188) oder Personennamen
(Bsp.: 'Blaubart' von frz. 'Barbe-Bleue' oder 'Rotkaeppchen'). In
diesem Zusammenhang bedarf gerade Wanzecks Motivationsanalyse von in
Ortsnamen verwendeten Farbbezeichnungen einer minutioesen
sprachhistorischen Betrachtung, da diese 'haeufig Relikte archaischer
Sprachzustaende' (Seebold 1995: 606) enthalten. Weitere der
Namenforschung zuzurechnende Untersuchungsgegenstaende sind
Klassennamen (Bsp.: 'roter Hund' ^- Krankheitsbezeichnung), Tiernamen
(Bsp.: 'Gruenspecht') und Pflanzennamen (Bsp.: 'gruener Salat').

Bewertung des Buches:
Wie bereits zu Beginn meiner Buchbesprechung vorweggenommen, halte ich
Wanzecks Buch zu syntagmatischen Verbindungen mit den Woertern fuer
die vier Primaerfarben Rot, Gelb, Gruen und Blau fuer ein bzgl. Form,
Inhalt, Umfang und vor allem bzgl. des Anspruchs auf
Wissenschaftlichkeit bislang beispielloses Standardwerk, an dem sich
alle zukuenftigen Beitraege anderer Autoren zum Thema
Farbwortverbindungen und deren Etymologie messen lassen muessen. Was
der Autorin hoch anzurechnen ist, ist einerseits die wissenschaftliche
Sprache und Argumentation, derer sie sich von der ersten bis zur
letzten der insgesamt 428 Seiten ihres Buches bedient, andererseits
dass sie dabei trotz allem eine den Leser fesselnde Atmosphaere
schafft, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen moechte; zu
mannigfaltig sind die etymologisch bedingten Anekdoten und Episoden,
die Wanzeck zur Klaerung fuer die Motivation zur Verwendung von
Farbwortverbindungen erschliesst. Wanzeck weist nahezu zweifelssfrei
nach, wann und in welcher Quelle sich der jeweilige Farbphraseologimus
erstmals belegen laesst und welche oftmals uebertragene Bedeutung sich
aus dem jeweiligen Belegkontext ergibt. Dabei macht sie sich sowohl
kulturgeschichtliche als auch sprachliche Angaben zu Nutze, um die
Herkunft von bislang sogar fuer unergruendlich geltenden
Farbwortverbindungen eindeutig und nachhaltig zu beweisen. Hervorheben
moechte ich an dieser Stelle noch das umfangreiche
Literaturverzeichnis (S. 368-415), das fuer sich allein genommen
bereits den Kauf des Buches rechtfertigt, da es eine exemplarische
Bibliographie rund um das Thema Farbwoerter bzw. Farbwortverbindungen
und deren Etymologie darstellt, und dies sogar ueber den deutschen
Sprachraum hinaus. Das 'Tuepfelchen auf dem i' ist m.E. das nach
(Frab-)Phraseologismen unterteilte Wortregister (S. 419-428) im
Anhang, dessen aeusserst uebersichtliche alphabetische Anordnung und
nochmalige Unterteilung nach Einzelsprachen (dt., engl., frz., ndl.,
sp.) hervorragend als Nachschlagewerk fuer Farbwortverbindungen
dient. 'Da neben der linguistischen Analyse kulturgeschichtliche
Zusammenhaenge miteinbezogen (sic!) werden, ist dieses Buch nicht nur
fuer die Sprachwissenschaft, sondern auch fuer die
Literaturwissenschaft, Volkskunde, Kunst- und Rechtsgeschichte'
(Rodopi 2002) ein wertvoller und m.E. ueberfaelliger Beitrag. Bleibt
zu hoffen, dass der relativ hohe Preis von 90 Euro bzw. 107 US Dollar
nicht von der Anschaffung dieses neue Massstaebe setzenden
Standardwerks abschreckt ^- es ist eine m.E. absolut lohnende
Investition und verdient eine grosse Leserschaft!

Bibliographie

Mielke, Robert (1930). Das Rote Meer. Ein Beitrag zur Geschichte einer
Volksanschauung. In: ZV, NF II/49, 182-188.

Nopitsch, Christian C. (1801). Wegweiser fuer Fremde in Nuernberg,
oder topographische Beschreibung der Reichsstadt Nuernberg nach ihren
Plaetzen, Maerkten. Nuerberg.

Seebold, Elmar (1995). Wortgeschichte/Etymologie der Namen. In: Ernst
Eichler et al. (Hgg.) Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur
Onomastik. De Gruyter: Berlin/New York (HSK 11.1.), 602-610.

Webliographie:


<http://www.rodopi.nl/frameset/nt/rightside.asp?BookId=AMPU+149&type=new
> www.rodopi.nl/frameset/nt/rightside.asp?BookId=AMPU+149&type=new

Empfehlung des Rezensenten als Einstieg zum Thema Farbwoerter:

Quinion, Michael (?). The Colour of Words. The fugitive names of
hues. at: <http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm>;
http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm

Bio: 
Guido Oebel (Dr. phil in dt.-engl. Komparatistik) ist deutscher
Muttersprachler und unterrichtet seit drei Jahren Deutsch als
Fremdsprache (DaF) und Fremdsprachendidaktik an Universitaeten in
Westjapan. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zaehlen DaF,
Bilingualismus, Drittspracherwerb, Erwachsenenbildung, Soziolinguistik
und autonomes Lernen, insbesondere 'Lernen durch Lehren' (LdL). Sein
naechstes Projekt ist das Habilitationsverfahren im Bereich DaF bei
LdL-'Erfinder' und Didaktikprofessor Dr. Jean-Pol Martin an der
Katholischen Universitaet Eichstaett-Ingolstadt in Deutschland.
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