"Kissine offers a new theory of speech acts which is philosophically sophisticated and builds on work in cognitive science, formal semantics, and linguistic typology. This highly readable, brilliant essay is a major contribution to the field."
Date: Tue, 24 Jun 2003 16:35:50 +0900 From: oebel <oebel@cc.saga-u.ac.jp> Subject: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen
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Wanzeck, Christiane (2003) Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen. Untersuchungen anhand der Farben Rot, Gelb, Gruen und Blau. Editions Rodopi (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 149), paperback ISBN 90-420-1317-6, xvi+428, Euro 90.00.
Vorbemerkung: Eines vorweg: dieses Buch ist das formal, inhaltlich und sprachlich mit Abstand beste deutschsprachige Linguistikfachbuch, das ich in meinem wenn auch erst kurzen Rezensentenleben habe besprechen duerfen! Die Autorin Christiane Wanzeck praesentiert mit der gruendlich ueberarbeiteten und erweiterten Version ihrer Dissertation aus dem Jahre 1996 (Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen) ein Stueck sprachetymologischer Pionierarbeit, die m.E. den Massstab fuer kuenftige aehnliche Werke setzt. Wanzecks groesstes Verdienst dabei ist ihre an akribischer Sorgfalt kaum zu uebertreffende Recherchearbeit bei der Sichtung und Auswertung von Primaer- und Sekundaerquellen als Belegmaterial fuer Ihre Untersuchung.
Aufbau und Inhalt des Buches: Wanzecks Buch bietet lt. Aussage der Autorin erstmals eine zusammenhängende Dokumentation von vor allem deutschen Phraseologismen mit den Farblexemen 'Rot' (S. 49-74), 'Gelb' (S. 75-92), 'Gruen' (S. 93-130), 'Blau' (S. 130-342) und deren Etymologisierung. Daneben behandelt sie Lehnuebersetzungen wie 'blaues Blut' (S. 290-313) aus dem Spanischen 'sangre azul' (Adel) oder 'Blaustrumpf' (S. 322-340) aus dem Englischen 'blue stocking' (intellektuelle Frau). Gerade das Farbadjektiv blau gibt zunaechst besonders viele Raetsel auf, da dessen Bedeutung je nach Kollokation variiert zwischen 'adelig', 'frei' ^Ö in 'blauer Montag' (S. 156-207) -, oder gar 'luegnerisch' wie in 'blaue Ente' (S. 248-267). Ueberhaupt bilden phraseologische Zusammensetzungen mit dem Farbadjektiv 'blau' den mit Abstand umfangsreichsten Teil von Wanzecks Arbeit, da 'Blau' einerseits die sprachlich vielschichtigste aller Farben ist und andererseits ueber die groesste Bedeutungsvielfalt verfuegt. Weitere Gegenstaende in Wanzecks Untersuchung sind heute seltener verwendete bis nahezu verschwundene Farbphraseologismen wie 'gruener Brief' (Brief aergerlichen Inhalts) (S. 112), satzfoermige Farbwortverbindungen wie 'Gruen ist die Hoffnung' (S. 112) oder paroemiologische Farbphraseologismen in anderen Sprachen als dem Deutschen, etwa das niederlaendische 'iemand eene blauwe huik omhangen' (jmdn. betruegen) (S. 235-240). Wanzeck unterteilt die Farbphraseologismen unter syntaktisch-morphologischen Aspekten in zunaechst zwei Grundkategorien: 1. als Nominalphrase, bei der das Farblexem die Funktion eines spezifizierenden Adjektivs uebernimmt, wie z.B. in 'blauer Montag' in der Bedeutung von 'arbeitsfreier Montag'; 2. als Verbalphrase, in der das Farblexem als Objektpraedikativ (Bsp.: 'rot sehen' fuer 'in Rage geraten') (S. 56) oder als Praedikativ (Bsp.: 'blau sein' fuer 'betrunken sein') (S. 145) fungiert. Bei der Gruppe der Praepositionalphrasen gibt es lt. Wanzeck mitunter Ueberschneidungen mit den Verbalphrasen (Bsp.: 'vom gruenen Tisch aus') (S. 122). Die zentrale Frage in Wanzecks Untersuchung ist, wie ein Farblexem seine jeweils unterschiedliche Wortbedeutungsfiguration annimmt und ob sich daraus eine bestimmte Regularitaet ableiten laesst. Dazu entschluesselt Wanzeck in ueberzeugender Weise die Motivation von Farblexemen in bestimmten Kollokationen, indem sie das zugrunde liegende Benennungsmotiv auf seine Funktion als Formmerkmal untersucht, d.h. ob es sich um die Farbe in ihrer Hauptbedeutung handelt. Im weiteren Verlauf ihrer Analyse geht sie der Frage nach, ob das entsprechende Bezugsnomen oder moeglicherweise ein anderes Nomen Traeger dieses Formmerkmals ist und welche Rolle dabei der Farbensymbolik zufaellt. Dabei stoesst Wanzeck auf Zweifelsfaelle bei Phrasen, in denen das Farblexem als solches zwar kein Problem generiert, sehr wohl jedoch die Gesamtphrase hinsichtlich ihrer Bedeutungsentwicklung, wie beispielsweise in 'auf keinen gruenen Zweig kommen' (S. 117-122) oder 'jmdm. blauen Dunst vormachen' (S. 274-286). In ihrer Untersuchung findet ebenfalls die Onomastik Beruecksichtigung mit der etymologischen Analyse von Ortsnamen (Bsp.: 'Gruenes Gewoelbe' in Dresden) (vgl. Nopitsch 1801), von im Niederdeutschen verwendeten Strassennamen ('Rotes Meer') (Mielke 1930: 182-188) oder Personennamen (Bsp.: 'Blaubart' von frz. 'Barbe-Bleue' oder 'Rotkaeppchen'). In diesem Zusammenhang bedarf gerade Wanzecks Motivationsanalyse von in Ortsnamen verwendeten Farbbezeichnungen einer minutioesen sprachhistorischen Betrachtung, da diese 'haeufig Relikte archaischer Sprachzustaende' (Seebold 1995: 606) enthalten. Weitere der Namenforschung zuzurechnende Untersuchungsgegenstaende sind Klassennamen (Bsp.: 'roter Hund' ^Ö Krankheitsbezeichnung), Tiernamen (Bsp.: 'Gruenspecht') und Pflanzennamen (Bsp.: 'gruener Salat').
Bewertung des Buches: Wie bereits zu Beginn meiner Buchbesprechung vorweggenommen, halte ich Wanzecks Buch zu syntagmatischen Verbindungen mit den Woertern fuer die vier Primaerfarben Rot, Gelb, Gruen und Blau fuer ein bzgl. Form, Inhalt, Umfang und vor allem bzgl. des Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit bislang beispielloses Standardwerk, an dem sich alle zukuenftigen Beitraege anderer Autoren zum Thema Farbwortverbindungen und deren Etymologie messen lassen muessen. Was der Autorin hoch anzurechnen ist, ist einerseits die wissenschaftliche Sprache und Argumentation, derer sie sich von der ersten bis zur letzten der insgesamt 428 Seiten ihres Buches bedient, andererseits dass sie dabei trotz allem eine den Leser fesselnde Atmosphaere schafft, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen moechte; zu mannigfaltig sind die etymologisch bedingten Anekdoten und Episoden, die Wanzeck zur Klaerung fuer die Motivation zur Verwendung von Farbwortverbindungen erschliesst. Wanzeck weist nahezu zweifelssfrei nach, wann und in welcher Quelle sich der jeweilige Farbphraseologimus erstmals belegen laesst und welche oftmals uebertragene Bedeutung sich aus dem jeweiligen Belegkontext ergibt. Dabei macht sie sich sowohl kulturgeschichtliche als auch sprachliche Angaben zu Nutze, um die Herkunft von bislang sogar fuer unergruendlich geltenden Farbwortverbindungen eindeutig und nachhaltig zu beweisen. Hervorheben moechte ich an dieser Stelle noch das umfangreiche Literaturverzeichnis (S. 368-415), das fuer sich allein genommen bereits den Kauf des Buches rechtfertigt, da es eine exemplarische Bibliographie rund um das Thema Farbwoerter bzw. Farbwortverbindungen und deren Etymologie darstellt, und dies sogar ueber den deutschen Sprachraum hinaus. Das 'Tuepfelchen auf dem i' ist m.E. das nach (Frab-)Phraseologismen unterteilte Wortregister (S. 419-428) im Anhang, dessen aeusserst uebersichtliche alphabetische Anordnung und nochmalige Unterteilung nach Einzelsprachen (dt., engl., frz., ndl., sp.) hervorragend als Nachschlagewerk fuer Farbwortverbindungen dient. 'Da neben der linguistischen Analyse kulturgeschichtliche Zusammenhaenge miteinbezogen (sic!) werden, ist dieses Buch nicht nur fuer die Sprachwissenschaft, sondern auch fuer die Literaturwissenschaft, Volkskunde, Kunst- und Rechtsgeschichte' (Rodopi 2002) ein wertvoller und m.E. ueberfaelliger Beitrag. Bleibt zu hoffen, dass der relativ hohe Preis von 90 Euro bzw. 107 US Dollar nicht von der Anschaffung dieses neue Massstaebe setzenden Standardwerks abschreckt ^Ö es ist eine m.E. absolut lohnende Investition und verdient eine grosse Leserschaft!
Bibliographie
Mielke, Robert (1930). Das Rote Meer. Ein Beitrag zur Geschichte einer Volksanschauung. In: ZV, NF II/49, 182-188.
Nopitsch, Christian C. (1801). Wegweiser fuer Fremde in Nuernberg, oder topographische Beschreibung der Reichsstadt Nuernberg nach ihren Plaetzen, Maerkten. Nuerberg.
Seebold, Elmar (1995). Wortgeschichte/Etymologie der Namen. In: Ernst Eichler et al. (Hgg.) Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. De Gruyter: Berlin/New York (HSK 11.1.), 602-610.
Empfehlung des Rezensenten als Einstieg zum Thema Farbwoerter:
Quinion, Michael (?). The Colour of Words. The fugitive names of hues. at: <http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm> http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm
ABOUT THE REVIEWER:
Bio:
Guido Oebel (Dr. phil in dt.-engl. Komparatistik) ist
deutscher Muttersprachler und unterrichtet seit drei Jahren
Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Fremdsprachendidaktik an
Universitaeten in Westjapan. Zu seinen
Forschungsschwerpunkten zaehlen DaF, Bilingualismus,
Drittspracherwerb, Erwachsenenbildung, Soziolinguistik und
autonomes Lernen, insbesondere 'Lernen durch Lehren' (LdL).
Sein naechstes Projekt ist das Habilitationsverfahren im Bereich
DaF bei LdL-'Erfinder' und Didaktikprofessor Dr. Jean-Pol
Martin an der Katholischen Universitaet Eichstaett-Ingolstadt in
Deutschland.