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Review of  Die Sprachpolitik des Europarats [The Language Policy of the Council of Europe]


Reviewer: Joseph Reisdoerfer
Book Title: Die Sprachpolitik des Europarats [The Language Policy of the Council of Europe]
Book Author: Franz Lebsanft Monika Wingender
Publisher: De Gruyter Mouton
Linguistic Field(s): Applied Linguistics
Sociolinguistics
Book Announcement: 24.2594

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Review:
OVERVIEW

In October 2010, Hans Lebsanft and Monika Wingender organized an international conference at the University of Bonn focusing on the European Charter for Regional or Minority Languages (ECRML). Eleven papers presented at this congress have been published in a book edited by the two organizers.

The book is divided in two parts: the first, made of three articles, is a theoretical approach, followed in the second by contributions representing case studies of different countries or regions. The overall impression is positive: the book is edited with great care and the contributions are mostly well structured and quite informative. The reviewer however regrets the lack of a theoretical article dealing with the political agendas behind the ECRML. Such a contribution could have been illustrated by a paper analyzing the problems around the ratification of the ECRML in France. This said the volume along with a recently published handbook on the ECRML (Lebsanft/Wingender 2012) will surely become a standard reference on the language policy of the Council of Europe.


ZUSAMMENFASSUNG

Im Oktober 2010 organisierten Hans Lebsanft (Bonn, Romanistik) und Monika Wingender (Gießen, Slavistik) eine internationale Tagung zur Europäischen Charta der Regional-oder Minderheitensprachen (ECRM) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Das hier zu besprechende Buch, herausgegeben von den beiden Organisatoren, enthält 11 Vorträge, die anlässlich dieser Tagung gehalten wurden.

Franz Lebsanft, Monika Wingender: ''Einleitung'' (pp. 1-6). Die Autoren stellen Europarat und ECRM kurz vor.

Mahulena Hofmann: ''Die ECRM aus rechtswissenschaftlicher Sicht'' (pp. 9-21). Die Autorin fragt sich u. a., ob die Charta die Nationalstaaten nicht infrage stellen könnte; alles in allem sieht sie in dem Text „einen effektive[n], gut kontrollierbare[n] völkerrechtliche[n] Vertrag“ (p. 20).

Franz Lebsanft (pp. 23-40): ''Die ECRM aus soziolinguistischer Sicht. Begriffe und Maßnahmen.'' In diesem Beitrag werden Sprachkonzepte und sprachplanerische Konzepte von der Soziolinguistik her beleuchtet; der Autor kommt zum Schluss, dass der sprachpolitische Ansatz der Charta -- „Sprachen schützen, nicht Sprecher“ -- im Ansatz verfehlt ist und dass eine „wesentlich differenziertere Sprachpolitik vonnöten [sei], als sie die Charta ermöglichen kann und will“ (p. 38).

Pirkko Nuolijärvi: ''Finnland. Die ECRM im Kontext der finnischen Sprachenpolitik'' (pp. 43-56). Der Autor hebt hervor, dass „Ratifizierung und Implementierung der ECRM … wesentliche Elemente der heutigen Sprachenpolitik Finnlands [sind] (p. 53).


Roswitha Fischer: ''Großbritannien und Nordirland. Die Sprachen des Vereinigten Königreichs und die ECRM'' ( pp. 57-72). Wie in Finnland ist auch im Vereinigten Königreich die ECRM zu einem wichtigen Bestandteil der Sprachenpolitik geworden (pp. 70-72).

Daniela Pirazzini: ''Italien. Die ECRM im Licht der Debatte um das Sprachgesetz Nr. 482 'Norme in materia di tutela delle minoranze linguistiche storiche' (15.12.1999)'' (‘Normen zum Schutz der historischen Sprachminderheiten’) (pp. 73-85). Der Autorin zufolge erklärt sich das Scheitern der Ratifizierung der ECRM in Italien durch ungenaue und unwissenschaftliche Formulierungen im Sprachgesetz 482. So nennt Artikel 2 des Gesetzes 12 Sprachen, die geschützt werden sollen und impliziert gleichzeitig, dass Dialekte, lokale Varietäten … zu einer dieser 12 Dachsprachen zuzurechnen sind ; dies jedoch wird oft von den Sprechern abgelehnt und führt sogar zu heftigen linguistischen und politischen Kontroversen, die die Ratifizierung der ECRM blockieren (pp. 73, 75-76).

Felix Tacke: ''Belgien. Territorialitätsprinzip und Minderheitenproblematik vor dem Hintergrund der ECRM''(pp. 87-104). Auch in Belgien, einem Land, das durch einen latenten Sprachkonflikt gezeichnet ist, ist eine Unterzeichnung geschweige denn eine Ratifizierung der ECRM zurzeit ausgeschlossen; die Flämische Gemeinschaft befürchtet nämlich, dass die ECRM eine Französierung ihres Territoriums begünstigen könnte (pp. 101-102).

Tomasz Wicherkiewicz: ''Georgia. A non-EU State Awaiting the Ratification of the ECRML'' (pp. 105-117). Obschon die ECRM in der sprachpolitischen Diskussion der von Krisen geschüttelten Kaukasusrepublik eine wichtige Rolle spielt, ist zurzeit, unter anderem wegen der Konflikte in Abchasien und Südossetien sowie dem angespannten Verhältnis zur Russischen Föderation, eine Ratifizierung der Charta ausgeschlossen (p. 114-116).

Ruth Bartholomä : ''Türkei. Die ECRM und die Minderheitenfrage'' (pp. 119-132). Im politischen System der Türkei gibt es weder Minderheiten noch Minderheitensprachen, da jeder türkische Staatsbürger Türke ist und jeder Türke Türkisch als Muttersprache hat. Diese Logik widersetzt sich der Unterzeichnung der Charta und nur der Prozess der Annäherung an die EU könnte eventuell Bewegung in den politischen Diskurs der Türkei bringen (130).

Katarzyna Wiśniewiecka-Brückner: ''Polen. Die ECRM als neuer Rahmen für bekannte Regelungen'' (pp. 133-150). In Polen wurde schon 2005 ein Gesetz zum Schutz der Minderheiten und der Regionalsprachen gestimmt. Die Bestimmungen des Gesetzes wurden bei der Ratifizierung der ECRM im Jahre 2009 übernommen, ohne jedoch aktualisiert worden zu sein (p. 148).

Alain Viaut: ''Ukraine. La protection des langues minoritaires et la gestion de la faible distance linguistique à la lumière de la CELRM'' (‚Der Schutz von Minderheitensprachen und der Umgang mit der Problematik von nah verwandten Sprachen im Rahmen der ECRM’) (pp. 151-163). Der Autor zeigt, wie die ECRM dazu beizutragen vermag, die Koexistenz von nah verwandten Sprachen -- hier Russisch/Ukrainisch/Ruthenisch -- zu organisieren.

Monika Wingender: ''Russisch als neue Minderheitensprache im östlichen Europa. Die ECRM und die Diskussion um das Russische in Nachfolgestaaten der UdSSR'' (pp. 165-189). In diesem Beitrag zeigt die Autorin, wie Unterzeichnung und Ratifizierung der Charta in den Nachfolgestaaten der UdSSR oft an die Einstellung gegenüber dem Russischen, dort eine Minderheitensprache, gebunden ist; dies kann zu einer Ablehnung der ECRM führen, wie z.B. in den Baltischen Staaten. Es stellt sich auch die Frage, inwiefern die ECRM, die an sich für Westeuropa verfasst wurde, den komplexen linguistischen, historischen und politischen Gegebenheiten in Osteuropa gerecht werden kann.

EVALUATION

Wir haben es hier mit einem informativen und gut strukturierten Buch zu tun: Auf einen ersten allgemein-theoretischen Teil -- Juristische und linguistische Grundlagen der ECRM; Beiträge 1-3 -- folgen eine Reihe eher praktisch ausgerichteter Beiträge zur ECRM in der sprachpolitischen Diskussion, in denen konkrete Fallbeispiele analysiert werden; auch hier zeichnen sich die meisten Artikel durch einen klaren Aufbau aus: Auf die Analyse der Sprachensituation folgt eine Beschreibung der Implementierung die ECRM im jeweiligen Land.
Die zwei Beiträge der Herausgeber sind besonders hervorzuheben. Der Aufsatz von Franz Lebsanft (pp. 23-40) zeichnet sich durch seinen kritischen Ansatz aus, den man leider in anderen Beiträgen oft vermisst. Sehr interessant ist auch die Arbeit von Monika Wingender zum Russischen als neue Minderheitensprache im östlichen Europa (pp. 165-189). Im zweiten Teil zur Sprachensituation im Baltikum (pp. 172-178) wird einerseits der komplexe Statuswandel des Russischen von einer dominierenden zu einer dominierten Sprache beschreiben, andererseits die Rolle der Titularsprachen im nation-building Prozess herausgearbeitet. Hervorzuheben ist auch, dass die Autorin grundlegende Fragen zur Terminologie und Begrifflichkeit der ECRM (p. 171) sowie die Problematik der Ablehnung der Charta anschneidet (pp. 177-178).

Wie oft in Kongressakten entsprechen einige Artikel nicht den Erwartungen. So gibt es in dem Artikel zur Ukraine von A. Viaut einen langen, zu langen, Exkurs (pp. 159-161) über den Namen des Russinischen/Ruthenischen; enttäuschend ist ebenfalls der Beitrag über Italien von Daniela Pirazzini, die hauptsächlich das Sprachgesetz Nr. 482 „Norme in materia di tutela delle minoranze linguistiche storiche“ behandelt und dabei sowohl die Sprachensituation in Italien wie die problematische Implementierung der ECRM außer Acht lässt.

Es gibt natürlich auch Lücken zu beklagen. So vermisst man eine eine grundsätzliche Analyse über die Charta als politischen Text. Die ECRM soll an sich Sprachkonflikte und politische Konflikte im Allgemeinen schlichten; sie tut es sicherlich, aber sie polarisiert auch, sie kann Konflikte hervorrufen und zentrifugale Kräfte in einem Staat unterstützen. Dies mag u. a. erklären, dass verschiedene Staaten, sich weigern, den Text zu unterschreiben.

Frankreich z.B. hat die ECRM noch nicht ratifiziert, und es wäre ohne Zweifel interessant gewesen, dem Band einen Artikel zur ECRM in diesem wichtigen europäischen Staat beizugeben; das Fehlen eines Frankreichartikels ist umso unverständlicher, als einer der Autoren des Bandes, A. Viaut, zu dieser Problematik geforscht und 2002 einen ausgezeichneten Artikel zur Rezeption der „Charte européenne des langues régionales ou minoritaires“ (= ECRM) in Frankreich verfasst hat.

In summa jedoch liegt hier ein wichtiges, gut ediertes Buch vor, das interessante Informationen zur Charta und zur Implementierung ihrer Bestimmungen in verschiedenen Ländern enthält. Zusammen mit dem vor kurzem publizierten Band „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ derselben Herausgeber (Lebsanft und Winkender 2012) wird es wohl ein Standardwerk zur Sprachpolitik des Europarats werden.

BIBLIOGRAPHIE

Lebsanft, Franz, und Wingender, Monika. 2012. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Ein Handbuch zur Sprachpolitik des Europarats. Berlin ; Boston, Mass.: de Gruyter.

Viaut, Alain. 2002. Apport et réception française de la Charte européenne des langues régionales ou minoritaires : approche sociolinguistique. (‚Beitrag und Rezeption in Frankreich der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen: Ein soziolinguistischer Ansatz’) Revue d’études comparatives Est-Ouest. Dossier: Points de vue sur la Charte européenne des langues régionales ou minoritaires. 33 (1) 9-48. URL: http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/receo_0338-0599_2002_num_33_1_3131
Aufgerufen: 11. II. 2013.
 
ABOUT THE REVIEWER:
Joseph Reisdoerfer studied Classics and French in Heidelberg, Angers, Reims, Nancy, and Paris and holds doctorates in French literature (Nancy 2), linguistics (Nancy 2) and Latin (Paris X Nanterre). He teaches Latin at the Athénée grand-ducal in Luxembourg and is doing research in French and Latin linguistics and in sociolinguistics.

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